Ein einzigartiger Job
Robert Tavaszi ist als "Instant Replay Operator" der Mann hinter den Entscheidungen
- 21.04.2026
- Von: BBV Geschäftsstelle
Seine große Leidenschaft für Basketball, kombiniert mit einer ausgeprägten Affinität zur digitalen Videoanalyse – und nicht zuletzt ein glücklicher Zufall – haben Robert Tavaszi eine außergewöhnliche Rolle im europäischen Basketball ermöglicht.
Der 30jährige Münchner ist seit Beginn der aktuellen EuroLeague-Saison der feste „Instant Replay System Operator (IRSO)“ beim FC Bayern München. Vertraglich ist er bei rund 80 bis 90 Prozent der Spiele im Einsatz – ein deutschlandweit nahezu einzigartiges Profil in dieser Funktion.
Immer dann, wenn bei Heimspielen im SAP-Garden strittige oder spielentscheidende Szenen auftreten und die Schiedsrichter den Weg zum Kampfgericht antreten, kommt Tavaszi ins Spiel – im wahrsten Sinne des Wortes. In diesen Momenten entscheidet nicht selten seine Geschwindigkeit und Präzision darüber, wie effizient und reibungslos eine Spielsituation dargestellt und aufgelöst wird.
Sein Arbeitstag beginnt bereits rund drei Stunden vor Spielbeginn. In dieser Zeit stellt er sicher, dass alle elf Kamerasysteme exakt synchronisiert und technisch einwandfrei vorbereitet sind. „Da muss alles auf die Millisekunde genau passen“, beschreibt er die Detailarbeit, die die Grundlage für seine spätere Performance bildet.
Während des Spiels ist höchste Konzentration gefragt. Sowohl die Trainer als auch die Schiedsrichter können bestimmte Spielsituationen überprüfen lassen. Tavaszi ist dabei meist schon einen Schritt voraus: „Wenn ich merke, dass ein Review bevorstehen könnte, bereite ich die Szene oft bereits im Voraus vor. Das basiert stark auf meiner Erfahrung und meinem Spielverständnis – viele Situationen lassen sich früh antizipieren.
Das offizielle Signal kommt in der Regel von den Schiedsrichtern und folgt meist ein bis drei Sekunden später. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die relevante Szene bereits zusammengeschnitten und so aufbereitet, dass sie sofort abgespielt werden kann – inklusive optimaler Kameraperspektive und vorbereitetem Zoom.“
Seine Aufgabe ist klar definiert – und gleichzeitig von zentraler Bedeutung: Er liefert den Schiedsrichtern innerhalb kürzester Zeit die entscheidenden Bilder und bereitet diese so auf, dass eine schnelle und fundierte Entscheidung möglich ist. Ziel ist es, die Unterbrechung so kurz wie möglich zu halten, ohne dabei an Genauigkeit einzubüßen.
Parallel wird die Szene für die Zuschauer im Stadion verständlich visualisiert. Mit der Ansage „you have control“ übergibt er die finale Sichtung an die Schiedsrichter. Seine Einschätzung spielt dabei vor allem bei der Auswahl und Aufbereitung der Perspektiven eine wichtige Rolle – die endgültige Entscheidung liegt jedoch ausschließlich bei den Schiedsrichtern.
Die Intensität seiner Einsätze variiert stark. In der Regel kommt er auf ein bis vier Reviews pro Spiel, in Einzelfällen auch deutlich mehr. „Beim Spiel Hapoel Tel Aviv gegen Partizan Belgrad in München waren es beispielsweise acht Situationen, die überprüft wurden.“
Die Dauer einer Überprüfung liegt im Durchschnitt bei etwa einer Minute. In vielen Fällen gelingt es jedoch, Reviews deutlich schneller abzuschließen – häufig bereits innerhalb von 30 bis 40 Sekunden, wenn die Situation klar ist und die richtigen Perspektiven sofort verfügbar sind.
Entscheidend ist dabei vor allem die Effizienz: eine schnelle Orientierung, die Auswahl der passenden Kamerawinkel und eine präzise Vorbereitung. In besonders kritischen oder spielentscheidenden Situationen – insbesondere in den letzten Minuten eines Spiels – wird hingegen bewusst mehr Zeit investiert. Hier werden alle relevanten Perspektiven nochmals im Detail geprüft, um eine korrekte Entscheidung zu treffen.
Dadurch kann sich die Dauer eines Reviews auch auf etwa 1:10 bis 1:15 Minuten verlängern. Insgesamt bleibt das Ziel jedoch stets, den Spielfluss so wenig wie möglich zu unterbrechen und gleichzeitig die bestmögliche Entscheidungsqualität sicherzustellen. Im Hintergrund wird jeder EuroLeague-Operator zusätzlich von einem technischen Team in Manchester unterstützt, das bei Bedarf eingreift.
Gerade zu Beginn seiner Tätigkeit wurde Tavaszi direkt gefordert: Bei seinem zweiten Einsatz fiel der Bildschirm für die Schiedsrichter aus. „Das war natürlich ein Moment, der die Nerven belastet hat“, erinnert er sich. Auch ein kompletter Systemausfall kurz vor Spielende blieb nicht aus – wurde jedoch innerhalb kürzester Zeit gelöst.
Trotz solcher Situationen hat sich seine anfängliche Nervosität deutlich reduziert: „Eine gewisse Anspannung gehört dazu, aber sie ist längst nicht mehr so präsent wie in den ersten Spielen.“ Ein entscheidender Vorteil: seine eigene Basketball-Vergangenheit. Durch sein tiefes Spielverständnis erkennt er kritische Szenen schneller als viele andere und kann entsprechend effizient reagieren – ein klarer Wettbewerbsvorteil in einer Position, in der Sekunden entscheidend sind.
Der Weg zum IRSO war anspruchsvoll und klar strukturiert. Im Rahmen des Auswahlprozesses musste Tavaszi mehrere praxisnahe Spielsituationen auf Englisch bearbeiten. Dazu erhielt er kurzfristig vier unterschiedliche Szenarien, auf die er reagieren sollte – ähnlich realen Spielsituationen im laufenden Betrieb.
Seine Antworten nahm er eigenständig per Video auf und reichte diese bei der EuroLeague ein. Bewertet wurden dabei insbesondere Kommunikationsfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit und Präzision in der englischen Sprache, da die Zusammenarbeit mit den internationalen Schiedsrichtern ausschließlich auf Englisch erfolgt. Nach erfolgreichem Bestehen dieser Phase folgte die Schulung in Barcelona, bei der unter realitätsnahen Bedingungen intensiv trainiert wurde.
Den entscheidenden Impuls für diese Entwicklung hatte ein zufälliges Treffen einige Monate zuvor gegeben. Beim Sommerfest des FC Bayern sprach ihn Sebastian Blanz, Leiter des Scouting-Teams, auf die Möglichkeit an, zusätzlich zu seiner bis dahin bestehenden Tätigkeit im Scouting auch die Rolle des „Instant Replay Operators“ zu übernehmen. Tavaszi nahm die Herausforderung an, absolvierte den Auswahlprozess sowie die Schulung erfolgreich und ist seitdem fester Bestandteil des EuroLeague-Spielbetriebs.
Parallel zu seiner Tätigkeit in der EuroLeague ist Tavaszi weiterhin im Scouting aktiv. In der BBL arbeitet er im dreiköpfigen Team in unterschiedlichen Rollen – überwiegend als „Caller“, der das Spielgeschehen in Echtzeit analysiert und ansagt, aber situativ auch im Data Entry.
Dabei wird jede Aktion exakt erfasst: Spielernummern, Wurfarten, Ballverluste, Rebounds, Steals, Fastbreaks, etc. Diese detaillierten Daten bilden die Grundlage für die statistische Bewertung der Spieler und sind entscheidend für Analysen sowie die Einschätzung von Spielern auf professionellem Niveau. Diese Aufgaben übernimmt er ebenfalls in der NBBL, der JBBL sowie in der ProB.
Sein Weg im Basketball begann bereits im Kindesalter. Als Sohn eines ehemaligen Basketballspielers und Trainers (Tiberius Tavaszi) verbrachte er früh unzählige Stunden in Münchner Sporthallen. Nach seinen ersten Stationen bei Jahn München folgten erfolgreiche Jahre beim FC Bayern sowie bei Team Basket München Nord, dem heutigen IBAM (Internationale Basketball Akademie München). Trainiert wurde Tavaszi zudem unter anderem von Adrian Sarmiento, dem heutigen Geschäftsführer des FC Bayern Basketball.
Bertram Wagner















