„Sicher auftreten trotz Gegenwind“

Mentale Stärke im Fokus: Workshop BayeriscHER unterstützt Basketball-Schiedsrichterinnen

Wie reagiere ich auf dumme oder respektlose Sprüche von der Bank oder aus dem Publikum? Wie hake ich einen Pfiff ab, mit dem ich selbst unzufrieden bin? Wie setze ich klare Grenzen in der Kommunikation mit Spielerinnen, Spielern und Trainern? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigten sich die Teilnehmerinnen des Online-Workshops „Sicher auftreten trotz Gegenwind“ des Bayerischen Basketball-Verbands im Rahmen von „BayeriscHER“.

Referent und Impulsgeber war der Sportpsychologe und psychologischer Psychotherapeut Tilman Bondzio. Ziel der Veranstaltung war es, Schiedsrichterinnen im Umgang mit Drucksituationen, Konflikten und mentalen Belastungen zu stärken sowie Raum für Austausch und praktische Strategien zu schaffen.

Bondzio war früher selbst Basketballspieler – von der Jugend bei Jahn München bis in die Regionalliga Südost – und arbeitete anschließend auch als Trainer und Co-Trainer. Beruflich widmet er sich der Psychologie. Heute ist er als Mentaltrainer sowie Fachmann für Sport- und klinische Psychologie tätig und begleitet uns, den Bayerischen Basketball Verband, seit 2025 bei psychologischen Fragestellungen im Leistungs- und Nachwuchssport.

Die Teilnehmerinnen – überwiegend Schiedsrichterinnen aus der Bayern- und Regionalliga – schilderten in einer Vorstellungsrunde ihre Erfahrungen auf und neben dem Spielfeld. Besonders häufig wurden Unsicherheiten in Herrenspielen, aggressive Reaktionen von Spielern oder Zuschauern sowie Drucksituationen im Jugendbereich genannt. Auch der Umgang mit Eltern bei Nachwuchsspielen wurde als Herausforderung beschrieben.

In Kleingruppen diskutierten die Teilnehmerinnen typische Belastungen des Schiedsrichteralltags. Dabei zeigte sich, dass insbesondere dominante oder emotional auftretende Spieler, Zuschauer und Kritik von außen die mentale Belastung erhöhen. Hinzu kommen äußere Faktoren wie eine versperrte Sicht, verzögerte Wahrnehmung oder die Dynamik eines Spiels, die Entscheidungen zusätzlich erschweren können. Auch Zuschauerlärm und eine emotionale Hallenatmosphäre beeinflussen laut den Teilnehmerinnen Konzentration und Entscheidungsqualität.

Im theoretischen Teil des Workshops vermittelte Bondzio psychologische Grundlagen zur Entscheidungsfindung und Stressbewältigung. Anhand des sogenannten kognitiven Verhaltensmodells erklärte er, wie Situationen über Gedanken und Emotionen letztlich das Verhalten beeinflussen. Zudem thematisierte er den Unterschied zwischen intuitiven und bewusst reflektierten Entscheidungen.

Neben den theoretischen Inhalten standen aber vor allem praktische Strategien im Mittelpunkt. Solche sind unter anderem eine klare Kommunikation innerhalb des Schiedsrichterteams, Transparenz gegenüber Spielerinnen und Spielern, das bewusste Fokussieren auf positive Spielsituationen sowie mentale Techniken zum schnellen „Abhaken“ eigener Fehler.

„Es ist nicht hilfreich zu katastrophisieren“, betonte Bondzio. Man dürfe sich nicht zu lange an vermeintlich falschen Entscheidungen festhalten und sofort an schwerwiegende Konsequenzen denken. Stattdessen gelte es, Situationen schnell einzuordnen und weiterzumachen: „Es war ein Fehler, ja – aber es ist nur ein Spiel. Wie viel Raum nimmt das wirklich in meinem gesamten Schiedsrichterleben ein?“ Diese Perspektive könne bereits viel Druck herausnehmen. „Und wenn ich gerade nicht zufrieden bin mit meiner Leistung, soll man nicht gleich alles in Frage stellen, sondern man soll sich fokussiert kleinere Ziele setzen, an denen man arbeiten will.“ Und man solle sich auf der anderen Seite auch Raum geben, „wenn man eine gute Entscheidung getroffen habe und etwas richtig gemacht hat- dann auch stolz darauf zu sein.“

Kleine Gesten innerhalb des Schiedsrichterteams – etwa kurze Bestätigungen oder unterstützende Kommunikation – könnten dabei helfen, auch schwierige Spiele souverän zu leiten. Wichtig sei zudem ehrliches Feedback von Mentoren oder vertrauten Personen.

Eine der wichtigsten Botschaften Bondzios an die Teilnehmerinnen in Stresssituationen auf dem Feld: „Man muss verstehen, dass es eine Rolle ist und nicht mein Leben. Ich bin ein Mensch, der gerade Schiedsrichterin ist.“ Verbale Angriffe auf dem Spielfeld richteten sich meist gegen die Rolle – nicht gegen die Person selbst – und dürften deshalb nicht persönlich genommen werden.

Zugleich ermutigte er die Teilnehmerinnen, ihren eigenen Stil zu entwickeln, anstatt nur männliche Kollegen zu kopieren: „Man muss nicht wie ein Mann pfeifen oder sich verhalten. Je mehr ich meine Persönlichkeit in meine Rolle hineinbringe, desto authentischer bin ich – und desto besser kann es laufen.“

Hilfreich seien in Stresssituationen zudem Rituale und Standardsituationen, die bewusst eingeübt werden: eine klare Körperhaltung, kontrollierte Mimik oder Atemtechniken. „Egal, wie es in mir aussieht: Ich kann üben, wie ich in solchen Situationen auftrete oder stehe“, erklärte Bondzio.

Darüber hinaus wurde die Bedeutung sportpsychologischer Betreuung im Basketball hervorgehoben. Während psychologische Unterstützung in vielen Einzelsportarten längst etabliert sei, gebe es im Basketball weiterhin Nachholbedarf.

Die Quintessenz des Workshops 
Mentale Stärke und der Umgang mit Druck sind trainierbar – sie erfordern jedoch kontinuierliche Übung, Erfahrung, Feedback und gegenseitige Unterstützung. 

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