86 Spiele und kein Titel
Rausch und Extase gegen Fassungslosigkeit
- 23.06.2026
- Von: BBV Geschäftsstelle
BAYERNBASKET-Chefreporter Bertram Wagner vom Spielfeldrand des Play-Off-Finales
Historische Pleite, Debakel oder Komplett-Absturz nach der Pause – auch wenn man zig Play-Off-Partien live gesehen hat, ist dies, was sich beim „Alles-oder-Nichts“-Finale der Münchner gegen Alba Berlin ereignet hat, auch mit einem gewissen zeitlichen Abstand nicht zu greifen.
Warum solch ein Einbruch als bayerischer Basketball-Albtraum oder, anders herum gefragt: Wie ist ein derartiger Rausch möglich? Ganz 27 Berliner Punkte vor der Halbzeit, die vom FC Bayern dominiert wurde, und dann ein 31:15-Ekstase-Viertel im Schlussabschnitt.
Es gibt wohl nur eine Antwort: Der neue deutsche Meister ist ein Team. Und der FC Bayern München eine Ansammlung von Klasse-Spielern, die es nicht schaffen, in schwierigen Momenten zusammenzuhalten, sondern in Einzelaktionen verfallen und sich auf Andi Obst verlassen. Der Weltmeister erzielte in den fünf Finals 92 Punkte trotz harter Alba-Gegenwehr, schaffte aber in den Schlussminuten auch nicht mehr, das Fassungslose zu verhindern.
Svestislav Pesic blieb nun eine meisterliche Krönung zum Abschluss seiner bespiellosen Karriere versagt, bei seiner Abschiedskonferenz fand er klare Worte: „Ich muss sagen, dass es mir als Trainer nie gelungen ist, eine Mannschaft zu bilden, die in schweren Momenten des Spiels zurückkommt. Ich habe alles versucht, habe mein Bestes gegeben jeden Tag und intensiv mit den Spielern gelebt. Aber mir ist es nicht gelungen, aus den Spielern ein Team auf hohem Level zu bilden. Und individuelle Qualität ist wichtig, aber Basketball ist Teamsport.“
Ich selbst hätte in der Pause keinen Cent mehr auf die Berliner gesetzt, habe mich schon mal gedanklich mit den Fotografier-Abläufen bei der Siegerehrung befasst und wohl zu sehr auch auf die Statistik vertraut, dass in allen bisherigen neun Finals, die über fünf Spiele gingen, immer das Heimteam gefeiert werden konnte.
Der FC Bayern wackelte zwar, ging aber mit einem 13-Punkte-Polster in die letzten zehn Minuten, was sollte da schon noch viel passieren? Vielleicht ging ja in den Köpfen der Akteure ähnliches vor. Kamen schon Gedanken an die Meister-Shirts, Schampus-Dusche für den Headcoach oder die Meister-Party? Viel mehr Erklärungsversuche gibt es für solch einen Absturz eigentlich nicht. Auch die Phrase vom „Hochmut vor dem Fall“ kommt auf.
Wer aus nächster Nähe in die Gesichter der Gastgeber sehen konnte: Starrer Blick, fast wie in Trance wurde die Silber-Medaille entgegengenommen und die Mehrheit steckte sie gleich weg. Der SAP-Garden war schon fast geleert und von den Berliner Fans in ein Jubelmeer „mit Humba“ verwandelt. Einfach bitter, wenn einem so der achte Meister-Titel, noch dazu im heimischen „Wohnzimmer“, weggenommen wird.
Quo vadis, FC Bayern nach der zweiten Heimpleite binnen von vier Monaten? Pokal-Aus gegen Bamberg, Meisterschafts-Pleite gegen Berlin und in der Euroleague an den Play-Ins gescheitert: Es gibt viel zu tun für den neuen Geschäftsführer Sport, Thorsten Leibenath, und den neuen Headcoach Anton Gavel, der in München, Ulm und Bamberg schon Meister-Gold um den Hals hatte.
86 Spiele und kein Titel zieren die Saison 2025/26. Nun muss schonungslos analysiert und eine runderneuerte Mannschaft mit der unabdingbaren Team-DNA ausgestattet werden.
Was Tausende von Fans, einschließlich meiner Wenigkeit, aus diesem geschichtsträchtigen Spiel – es gab noch nie ein derartig knappes Finale (418:414 nach 200 Spielminuten) – mitnehmen sollten: Der Teamgeist kann Berge versetzen und Spiele sind nicht in der Halbzeit entschieden.
Bertram Wagner































